Zu Besuch beim Jugendchor

Dienstagabend 18.15 Uhr: Noch sind es 15 Minuten bis zum Beginn der ersten Probe des Jugendchores nach den Herbstferien. Die Eingangstür zum Gemeindehaus ist noch verschlossen, aber ein herrenloses Fahrrad mit Notenmappe auf dem Gepäckträger lässt erahnen, dass es sich bald mit Leben füllen wird. Fünf Minuten später trudeln die ersten Sänger/innen ein. Während Alexander auf dem Klavier sich im Improvisieren übt, tauschen die Damen Erlebnisse des Schulalltages aus. Dann erwecken auf dem Boden liegende Teile, die an ein auseinander genommenes Xylophon erinnern, die allgemeine Aufmerksamkeit. Klangstäbe nennt man sie, erfahre ich später. Begleitend zu der Klavierstimme ertönt bald ein lauter Klangteppich der Marke: „Wer kann am wildesten schlagen?“ Aus dem Klaviersolo wird ein Duett, die Zeit bis zum Probenbeginn wird musikalisch kreativ genutzt, wobei ein Schlegel zwischendurch auch mal beim Nachbarn auf dem Kopf oder Knie landet.
Jugendchor Fortsetzung  [close]
Immer mehr Jugendliche füllen den Raum. Lukas erzählt von seiner Tanzstunde, Julia freut sich nach 2 Wochen Ferienpause wieder auf das Singen. Mit wehenden Haaren stürmt Kantorin Wiebke Friedrich herein, sammelt alle Schlegel ein und teilt Noten aus. Die Weihnachtszeit naht und damit das alljährliche, beliebte Weihnachtsliedersingen. Doch zuerst heißt es aufstehen, die Schultern kreisen und auflockern. Mit f, f, f, und sch, sch, sch wird das Zwerchfell gelockert.

Ein Schatten sprintet aus meinen Augenwinkel Richtung Papierkorb. Ein dabei störendes Kaugummi wird entsorgt. Ausseufzen, gähnen und damit den Kehlkopf entspannen, dann schrauben sich die Stimmen nach dem Kommando „nicht versacken“ mit „tumba tumba“ Ton für Ton in die Höhe.

Nach dem Einsingen geht es mit dem Proben der neuen Stücke los. Wiebke Friedrich singt den Jugendlichen das erste Stück zum Kennenlernen einmal vor. „Nativity Carol“ – das Lied soll eine friedliche Stimmung verbreiten. Englischkenntnisse sind gefragt. Der Text wird gemeinsam gelesen und zum inhaltlichen Verständnis ins Deutsche übersetzt. Der erste Versuch, das Lied direkt vom Blatt zu singen, gelingt schon ganz gut. Jugendliche Stimmen erfüllen den Raum und verbreiten schon jetzt - Ende Oktober - einen Hauch von Weihnachten. Dann heißt es „ Freiwillige“ vor, denn es bedarf einer zweiten, hohen Frauenstimme. Sie sind unter den erfahrenen Sängerinnen schnell gefunden und werden gleich im Einsatz gefordert. So arbeitet sich der Chor Stück für Stück durch das Lied. Unsichere Stellen werden geübt, die Stimmen erklingen einzeln und in unterschiedlichen Kombinationen, Herren und Damen getrennt und zusammen - am Anfang noch etwas zaghaft, doch dann immer selbstbewusster. Es ist beindruckend, wie aufmerksam und konzentriert die Jugendlichen, die zum Teil einen langen Schultag hinter sich haben, mitarbeiten. Kantorin Wiebke Friedrich ist mit dem ersten Probenergebnis zufrieden.
Es ist noch Zeit für das zweite Stück „Christmas Lullaby“. Es beschreibt die Idylle Bethlehems: Das Licht, das im Dunkel erstrahlt, singende Engel und die drei Weisen, die auf der Suche nach dem Messias alles, nur kein Kind mit seiner Mutter erwartet hätten. „Ave Maria“ wird jugendgerecht mit „hallo Maria“ übersetzt. Zuerst wird die Melodie auf „Nü“ gesungen, um sich auf den hellen, weichen Charakter des Liedes einzustimmen, und bald erfüllen Weichheit und Wärme den Raum. „Nicht atmen“, erklingt die Stimme der Chorleiterin, um eine besonders schöne Linie nicht zu unterbrechen und erst nach der Anweisung „Jetzt“ darf wieder nach Luft „geschnappt“ werden. Ein Durchgang ohne Klavierbegleitung zeigt, dass die Jugendlichen die Melodie schnell verinnerlicht haben und der Anweisung „dolce heißt süß … langsam lauter werden“ schnell folgen können. Sie haben sich das Lob „sehr schön“ der Kantorin am Ende der Probe redlich verdient.

Viele der jungen Sänger/Innen haben bereits im Kinderchor mitgesungen. Mit Beginn der Konfirmandenzeit darf man in den Jugendchor wechseln. „Das ist interessanter“, sagt Meret, die nach den Sommerferien gewechselt hat. „Wir singen jetzt auch viele englische Lieder. Immer nur „deutsch“ fände ich langweilig“. Für Julia G. ist das Singen im Jugendchor ein guter Ausgleich zum Schulalltag. „Am Dienstag habe ich 8 Stunden und noch Theater –AG. Dann freue ich mich auf die Chorprobe und bin danach immer gut gelaunt.“ Dieser Meinung ist auch Katharina: „Ich bin so froh, dass ich schon etwas früher in den Jugendchor wechseln durfte. Ich könnte sonst nicht singen, denn ich habe so lange Schule.“ G8 lässt grüßen, denke ich. Julia Z. ist auch eine leidenschaftliche Sängerin und nimmt zusätzlich Gesangsunterricht. Ihr Duett zusammen mit Olli P. aus „Phantom der Oper“ ließ beim Sommerkonzert manches Auge feucht werden. Das absolute Highlight für die beiden Nachwuchstalente. „Ich habe das hohe „b“ auf Anhieb getroffen“, erzählt sie stolz. Auf die Frage nach weiteren Highlights sind sich die Jugendlichen einig: Der Stern zu Bethlehem auf dem alljährlichen Weihnachtliedersingen ist der absolute Favorit. „Es ist toll, wenn alle gemeinsam singen und musizieren. Das hat was, das darf auf keinen Fall fehlen!“

„Vor knapp vier Jahren startete ich mit einem Chorangebot für Jugendliche“, erzählt Kantorin Wiebke Friedrich. „Wenn ich ehrlich bin, nicht ganz ohne Bedenken. Bis dahin hatte ich wenig Erfahrung im Umgang mit dieser Altersgruppe und ein kirchliches Angebot und dann auch noch im Bereich Singen steht bei Jugendlichen nun wirklich nicht an vorderer Stelle in der Freizeitplanung. Immerhin kamen um die 10 Jugendliche zusammen und trotz wechselnder Besetzung blieb es die ersten zwei Jahre ungefähr bei dieser Anzahl. Etwas mühsam waren damals die Proben, da nur die Hälfte von ihnen zuverlässig zu jeder Probe erschien und so oft nur sechs oder sieben Sangeswillige vor mir saßen. Aber immerhin die Bereitschaft beim Sommerkonzert, beim Weihnachtsliedersingen und auch im einen oder anderen Gottesdienst mitzusingen war von Anfang an da. Ebenso die Bereitschaft gelegentlich mit Kantorei oder Kinderchor gemeinsam zu singen. Als vor zwei Jahren die ersten Kinderchorkinder ins Konfialter kamen, zahlte sich die Mühe aus, sie konnten vom Kinderchor in ein schon bestehendes und festes Gefüge wechseln. Alleine wären sie zu wenig gewesen. Aber auch die „alteingesessenen“ Jugendlichen profitieren von den sangesstarken Nachkömmlingen, von denen die meisten bereits viele Jahre Kinderchorerfahrung auf dem Buckel haben. Mittlerweile umfasst der Jugendchor einen zuverlässigen Stamm von ungefähr 12 Sängerinnen und immerhin auch 4 Sängern. Die Proben machen mir großen Spaß und ich nehme eine tolle qualitative Entwicklung wahr. Trotz einer Altersspanne von 13 bis 22 Jahren herrscht eine tolle Gemeinschaft und jede/r wird toleriert und eingebunden. Alle sind sehr gut im Gespräch miteinander, nicht nur vor und nach, sondern auch während der Probe.“

Andrea Erdmann


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